Meisterstücke zeigen Können und Ideenreichtum

Am 19. September wurden in der Berufsschule in Wien die Meisterstücke der diesjährigen Kandidatinnen und Kandidaten präsentiert. Neun fertiggestellte Arbeiten gaben Einblick in die handwerklichen und gestalterischen Anforderungen der Meisterprüfung und zeigten zugleich, wie unterschiedlich die Aufgabenstellungen umgesetzt wurden. Die Bandbreite der Arbeiten war groß. Zu sehen waren unter anderem ein Sakralschrank mit Gebetshocker, ein Sessel, ein Musikinstrumentenschrank, ein Schreibtisch, ein Blumen-Schmuckkasten, eine Sitzbank sowie verschiedene Sideboards und Anrichten. Dabei ging es nicht allein um die Gestaltung. Die Meisterstücke verlangten den Kandidatinnen und Kandidaten auch konstruktiv einiges ab.

Anspruchsvolle Konstruktionen
Beim Sessel aus Wiener Ahorn etwa kamen eigens entwickelte Profile, Gratleisten und verdeckte Verbindungen zum Einsatz. Zahlreiche Schablonen mussten für die einzelnen Frässchritte angefertigt werden. Rund 140 Arbeitsstunden steckten in diesem Stück.

Auch der Musikinstrumentenschrank stellte besondere Anforderungen. Seine Unterkonstruktion wurde vom Flugzeugbau des frühen 20. Jahrhunderts inspiriert. Zusätzlich mussten die klimatischen Anforderungen für die Aufbewahrung von Musikinstrumenten berücksichtigt werden. Für die bauchigen Türen entwickelte der Kandidat einen eigenen Beschlag, der laut seinen Angaben bereits zum Patent angemeldet wurde.

Der Schreibtisch entstand als Weiterentwicklung eines früheren Gesellenstücks. Eine besondere Herausforderung bildete das Untergestell, das ohne senkrechte oder waagrechte Füße, Stollen, Stege oder Zargen auskommen sollte. Entsprechend aufwendig gestaltete sich die Berechnung der Winkel und Verbindungen.

Beim Blumen-Schmuckkasten wiederum trafen unterschiedliche Materialien aufeinander. Das rund 80 Kilogramm schwere Möbel wurde aus gefrästem Kunststein gefertigt und steht auf zwei ESG-Sonderglasplatten. Das Fräsprogramm für das von Blumenmustern inspirierte Design erstellte die Kandidatin selbst. Verdeckte Fächer und Öffnungsmechanismen mit Magneten ergänzen die Konstruktion.

Ein weiterer Tisch orientierte sich gestalterisch an der Formensprache der „Enterprise“ aus der gleichnamigen Fernsehserie. Tisch, Sideboard und ein wendbarer Korpus bilden eine Einheit. Besonderes Augenmerk lag auf den bündigen Übergängen der unterschiedlichen Verbindungen sowie der fein geschliffenen und geölten Holzoberfläche.

Auch eine Sitzbank stellte hohe Anforderungen an Konstruktion und Verarbeitung. Fließende Formen, durchlaufend gereihte Furniere, Schichtverleimungen und eigens angefertigte schräge Füße prägen das Möbel. Geheimlade, Seitenladen und Rückklappe wurden in die Konstruktion integriert. Eichenholz und ein darauf abgestimmter Stoff nehmen Bezug auf den Fischgrätboden des Altbaus, für den die Bank vorgesehen ist.

Bei einem Sideboard wurde ein anderer Weg gewählt: Rift- und Halbriftbretter wurden zugeschnitten, in der Schweiz gedämpft und gebogen und anschließend zu einem massiven Korpus verarbeitet. Dabei kamen traditionelle Holzverbindungen wie Keilzinken und Gratfräsungen ebenso zum Einsatz wie Linoleum. Metall wurde bei diesem Möbel nur sehr reduziert verwendet.

Treffpunkt für das Tischlerhandwerk
Die Präsentation bot den Besucher:innen die Gelegenheit, die fertigen Arbeiten aus nächster Nähe zu betrachten und sich mit den Kandidatinnen und Kandidaten über Konstruktion, Materialwahl und Umsetzung auszutauschen. Auch zahlreiche bereits aktive Meister:innen nutzten die Veranstaltung für einen Besuch. Nicht alle Teilnehmer:innen haben mit der Fertigstellung ihres Meisterstücks bereits sämtliche Module der Meisterprüfung abgeschlossen. Für sie stehen noch einzelne Prüfungsteile bevor. Die präsentierten Arbeiten zeigten jedenfalls die große Bandbreite des Tischlerhandwerks.