Die letzte Bürstenmacher-Werkstatt Wiens
Wer an der Taubergasse im 17. Wiener Gemeindebezirk vorbeigeht, würde kaum vermuten, welches Kleinod sich hinter einer unscheinbaren Tür verbirgt. Erst beim Eintreten beginnt eine kleine Zeitreise. Antiquiert wirkende Maschinen, hölzerne Werkbänke und Werkzeuge, deren Zweck sich dem Laien nicht sofort erschließt, prägen das Bild. Fast scheint es, als wäre die Zeit hier stehen geblieben. Fast. Denn zwischen den Maschinen arbeitet Gerhard Duchac an Produkten, die alles andere als nostalgisch sind.
Bürsten, die man nie zu Gesicht bekommt
Wer glaubt, hier entstehen ausschließlich Haarbürsten oder Rasierpinsel, irrt gewaltig. Auf einer Werkbank liegt gerade eine Industriebürste mit fast zwei Metern Länge. Daneben warten Bürsten für Rauchfangkehrer auf die Fertigstellung. Viele Produkte verlassen die Werkstatt, ohne jemals von Endkundinnen oder Endkunden wahrgenommen zu werden – denn sie verschwinden im Inneren von Produktionsanlagen.„Die Industriekunden kommen mit einer Aufgabe zu mir und fragen: Wie können wir dieses Problem lösen? Dann überlegen wir gemeinsam, welches Material, welche Borstenlänge und welcher Abstand dafür ideal sind.“So entstehen Spezialbürsten für Großbäckereien, die Backrückstände von Förderanlagen entfernen, für metallverarbeitende Betriebe zur Oberflächenbearbeitung oder für die Produktion hochwertiger Uhrenzifferblätter.„Das sind Aufgaben, die man nicht zweimal bekommt. Genau das macht den Beruf so spannend.“Gerade diese Mischung macht den Reiz des Handwerks aus. Während auf der einen Werkbank eine hochspezialisierte Industriebürste entsteht, wird auf der anderen ein Rasierpinsel in Handarbeit gefertigt oder eine historische Haarbürste mit neuem Besatz versehen.„Das ist das Salz in der Suppe. Eine technische Bürste ist wichtig für den Betrieb, aber ein Rasierpinsel ist etwas ganz Besonderes. Da steckt unglaublich viel Handarbeit drin. Und wenn der Kunde dann leuchtende Augen hat, freut mich das jedes Mal.“
Durch die Liebe zum Handwerk
Dass Duchac heute der letzte Bürstenmacher Wiens ist, war keineswegs geplant.„Ganz einfach durch die Liebe“, erzählt er schmunzelnd. „Der Vater meiner Lebensgefährtin war der letzte Bürstenmachermeister Wiens.“2007 wurde der traditionelle Lehrberuf abgeschafft, also musste Duchac das Handwerk direkt beim Schwiegervater erlernen.„Ich habe mich bewusst dafür entschieden, noch einmal eine Lehre zu machen. Und diese Entscheidung war genau richtig.“Seit Ende 2024 führt er den Familienbetrieb offiziell weiter. Unterstützt wird er dabei nach wie vor von seinem Schwiegervater, dessen jahrzehntelange Erfahrung für Duchac unbezahlbar ist.„Sechzig Jahre Wissen stehen nicht im Computer, sondern in seinem Kopf.“
Qualität statt Massenware
Natürlich muss sich ein kleiner Handwerksbetrieb täglich mit Billigprodukten messen.„Beim Diskonter bekommt man eine Bürste um einen Euro. Unsere kommt aus Wien, wird in Handarbeit gefertigt und hält entsprechend lange.“Ein hochwertiger Rasierpinsel kostet ab 165 Euro.„Wenn ich meine Arbeitszeit ehrlich rechnen würde, wäre er eigentlich unbezahlbar.“Doch genau diese Leidenschaft spüren seine Kundinnen und Kunden.„Wenn jemand mit einer Bürste aus der Werkstatt geht und sich wirklich darüber freut, dann geht es mir auch gut“, versichert der Bürstenmacher.
Wissen für die nächste Generation
Viele Maschinen in der Werkstatt stammen noch aus den 1950er- und 1960er-Jahren. Sie funktionieren bis heute zuverlässig.„Sie sind rein mechanisch. Wenn man sie gut pflegt, halten sie noch Generationen.“Genau das wünscht sich Duchac auch für sein Handwerk.Als letzter Bürstenmacher Wiens weiß er, wie wertvoll dieses Wissen geworden ist. Deshalb möchte er es eines Tages weitergeben.„Ich habe selbst von der Wissensweitergabe profitiert. Natürlich wäre ich bereit, jemanden auszubilden. Es wäre schön, wenn dieses Handwerk auch nach mir weiterlebt.“Beim Verlassen der Werkstatt fällt der Blick noch einmal auf die alten Maschinen. Sie erzählen Geschichten aus vergangenen Jahrzehnten. Gleichzeitig entstehen hier Produkte für modernste Produktionsanlagen, für nachhaltige Haushalte und für Menschen, die Qualität zu schätzen wissen.Ein Ort, den man mitten in Wien kaum noch erwartet und gerade deshalb unbedingt entdecken sollte.

